Jeder kennt es: das leidliche Umgehen des “Sies” bei den Eltern des besten Freundes; das Geduztwerden von Wildfremden, nur weil man noch jung aussieht; das ungewollte Gesieztwerden, weil jemand irgendeinen nicht vorhanden Respekt ausdrücken will. Aber brauchen wir das “Sie” überhaupt?
Höflichkeitsform, auch Honorificum (lat. honorificus „ehrend“) oder Honorativ(um) (lat. honoratus „geehrt“), bezeichnet in der Sprachwissenschaft eine grammatische Kategorie, die das soziale Verhältnis zwischen dem Sprecher, dem Angesprochenen und ggf. einer dritten Person, über die gesprochen wird, ausdrückt.
Gut, das heißt also, wir nutzen das “Sie” nur um uns unserer Beziehung zueinander bewusst zu werden. Insofern ist das auch gar kein Problem, nur beschreibt das “Sie” heute nicht mehr unbedingt eine Beziehung. Ich siezte meine Lehrer bis nach dem Abitur, obwohl ich zu einigen von ihnen ein besseres Verhältnis hatte als zu Klassenkameraden. Das Sie kann also nicht nur dazu da sein eine Beziehung zu kategorisieren, es soll die Hierarchie klarstellen. Auch das kann ich noch hinehmen. Schwierig wird es aber dadurch, dass zumeist der gesiezte entscheidet, ob noch gesiezt wird oder nicht. Bestes Beispiel die Eltern von Freunden zur Schulzeit. Man selbst wurd ja eh geduzt und sie? Ja bei Ihnen schlängelte man sich immer durch, nutzte unpersönliche Formen. Sagte also “Und was wurde am letzten Wochenende so gemacht?” statt “Was habt ihr denn so gemacht?” und fühlte sich die ganze Zeit eingeschränkt und beobachtet, weil man das “Du” nicht benutzen wollte, solange es nicht angeboten wurde, aber das “Sie” im Verhältnis nicht mehr stimmig war.
Soweit in Ordnung. Das Problem besteht also, wenn eine Person geduzt und die andere gesiezt wird. Aber ansonsten ist das “Sie” doch super, um Höflichkeit auszudrücken.
In anderen Ländern gibt es keinen Unterschied in der Anrede, da muss die Höflichkeit im Rest des Satzes gezeigt werden. Im Deutschen nicht. Ich kann noch so lange und so oft gesiezt werden, wenn der andere das mit einer Abfälligkeit tut und mich vielleicht sogar noch beleidigt (“Sie Hornochse”), ist das keine entgegengebrachte Höflichkeit mehr.
Eine Abschaffung des Sies würde also bedeuten, dass sich “das soziale Verhältnis zwischem dem Sprecher, dem Angesprochenen und ggf. einer dritten Person, über die gesprochen wird” nun durhc das Verhalten ausdrückt und nicht über ein Wort.
Will ich höflich sein, muss mein Verhalten höflich sein. Will ich es nicht, dann nicht. Möchte ich mich vertrauensvoll zeigen, muss das in meinem Verhalten ersichtbar sein. Freunde drücken sich nicht durch die Anrede, sondern durch ihr Verhalten aus. Gerne könnte man natürlich auch statt dem “Sie” das “Du” abschaffen oder ein “Su” einführen, der Kreativität sind dort keine Grenzen gesetzt.
Wenn ich mich aber daran erinnere, welche Freude es war, dass Du von gewissen Personen angeboten zu bekommen, dann denke ich: Vielleicht kann man das ja doch beibehalten…

Ich möchte euch in den Kommentaren gerne das Du anbieten….