
Am Anfang dieses Jahres hab ich sie kennengelernt. So richtig, meine ich. Ich hatte schon vorher ab und zu etwas mit ihr zu tun, aber im Februar wurden wir richtige Freunde. Wir saßen oft zusammen, redeten viel machten Sport und abends was mit unseren Freunden. Sie wurde zu der Zeit von einem Typen verarscht, kam aber nicht so richtig von ihm los, also heckten wir Rachepläne aus und wünschten dieses Arsch zusammen in die Hölle. Ich hatte mich irgendwie in meinen besten Freund verliebt und war hin- und hergerissen zwischen dem ich-will-ihn und dem Ich-will-ihn-nicht-verlieren. Auch da heckten Sie und ich Pläne aus, ihn zu bekommen oder von ihm loszukommen. Ganze Nachmittage saßen wir nach dem Joggen auf dieser Bank und diskutierten, wie ich ihm am besten sagen kann, dass es so nicht weitergeht.
Ich hab immer gern mit ihr geredet und sie hatte immer ein offenes Ohr, auch wenn ich ihr wieder und wieder von den gleichen Problemen erzählt habe.
Mein bester Freund und ich sind jetzt glücklich zusammen und Sie ist über das Arsch hinweg und genießt ihr single-leben. Wir sind glücklich und wir reden nichtmehr.
Wir Tanzen, reden über neue Musik und über Dinge die uns aufregen, aber ich habe schon lange nichtmehr das Gefühl, dass ich sie einfach anrufen kann um über unsere Leben zu reden.
Seit es nichts mehr gibt, das wirklich schlecht darin läuft, haben wir beide auch kein Gesprächsstoff mehr. Das ist doch eigentlich schade, dass man eine SMS in all seine Einzelteile zerlegen, jede kleine Formulierung darin diskutieren kann, wenn man ein Problem hat, aber von einer süßen Gute-Nacht-Nachricht, wenn es einem gut geht wird nie jemand erfahren.
Unglück, Katastrophen und Problemen werden mit so viel Aufmerksamkeit überhäuft, über das was gut läuft wird kaum geredet. Damit wird so der Eindruck vermittelt, dass der Normalzustand „gut“ ist. Solange es einem gut, vielleicht sogar sehr gut geht ist alles in Ordnung und man braucht sich nicht weiter um die Gemütsverfassung kümmern. Alles was weniger gut ist, ist nichtmehr normal und hat gleich alle Beachtung.
(An sich ist es ja etwas ziemlich cooles, das es für uns normal ist glücklich zu sein, oder?)
Ein weiterer Grund für das Sinken des Redepensums mit dem andauernden Glück ist wohl auch, dass man sich schnell daran gewöhnt, glücklich zu sein. Hannah hat mal eine Zeit lang ihrem Gemütszustand an jedem Tag eine Note gegeben. Das ist glaub ich ganz sinnvoll, weil man dann sieht, dass es kaum etwas gibt, das richtig schlecht ist und weil man die guten Tage richtig wahrnehmen kann. Aber wenn man so etwas wie sie nicht macht, dann funktioniert das mit dem Wahrnehmen nicht so ganz.
Ich stelle mir die Launen immer in so einem Koordinatensystem vor. Wenn es einem schlecht geht, verläuft der Graph ganz niedrig. Wenn man glücklich ist verläuft er weiter oben auf dem Koordinatensystem.
Nun ist es aber so, dass man den Graphen nur wirklich wahrnimmt, wenn er steigt oder sinkt. Bleibt er immer auf der gleichen Höhe, vergisst man irgendwann wo er gerade ist. Aber wenn er sich verändert, wenn zum Beispiel etwas Schlimmes passiert, spürt man wo man sich eigentlich gerade befindet. Und nur dann redet man auch mit anderen darüber. Das Redepensum und damit auch der Wahrgenommene Gefühlszustand verläuft also mit der Intensität der Steigung,( dem Graphen der 1. Ableitung sozusagen:))
Aber genug von Geometrie, was ich eigentlich sagen will ist nur, dass man nicht vergessen darf, dass wir es so gut haben, weil es als normal gilt, wenn wir glücklich sind. Man sollte sich immer irgendwie bewusst machen, dass es einem gut geht, auch wenn der Gemütszustandsgraph auf einer Linie bleibt.
Ich finde, dass man sich über alles Gute mindestens genauso viele Gedanken machen sollte, wie über das Schlechte. Und auch, dass man vielmehr vom Glück erzählen sollte.
Soundtrack to this text: Sky and Sand, Aaron by Paul Kalkbrenner
